Das Filmbüro Göttingen hat sich zum 30. Juni 2025 von seiner erst im Januar 2024 gegründeten Drehort-Agentur und dem hierfür angemieteten Büro- und Archivstandort am Zollstock 15 in Grone getrennt. Das haben die beiden Gründer Sven Schreivogel und Alexander Siebrecht verkündet. Bisher schon erfolgreiche Projekte des Filmbüros sollen aber fortgesetzt werden – und auch das lang erwartete Buch wird in diesem Jahr noch erscheinen.

„Die Entscheidung ist kein Schnellschuss, sondern wohlüberlegt“, betonen die Film-Profis Schreivogel und Siebrecht. Den entscheidenden Impuls habe ein Workshop am 12. März geliefert, bei dem neben diversen Experten aus der Filmbranche auch Vertreterinnen der Göttinger Stadtverwaltung und des Stadtmarketing sehr intensiv, offen und ehrlich über eine mögliche Reaktivierung Göttingens als Filmstadt diskutiert haben.

Die Nachbetrachtung und Aufarbeitung dieser Gesprächsrunde habe zu der Erkenntnis geführt, dass heute eine andere Ausgangssituation vorherrsche als bei der Gründung des Filmbüros im Sommer 2019. Dazu passt, dass die beiden Filmbüro-Macher zuletzt mehrfach ambitionierte Filmprojekte mit ihrer Expertise unterstützt haben – ohne jedoch monetären Erfolg damit generieren zu können, weil es kaum noch Budgets für ihre Leistungen gibt. „Wir sind nicht gescheitert und schauen auch keinesfalls im Zorn zurück, aber wir haben uns jetzt entschieden, die Ausrichtung und Aufgabenstellung des Filmbüros anzupassen.“

Dabei wird keinesfalls alles verworfen, was in den vergangenen sechs Jahren erfolgreich aufgebaut wurde. Im Gegenteil: „Wir haben es geschafft, die Göttinger Filmgeschichte wieder erlebbar zu machen und neue Faszination und Begeisterung dafür auszulösen. Unsere Filmvorführungen im Méliès und im CinemaxX sind häufig ausverkauft, die Vorträge und Ausstellungen stets sehr gut besucht – und aus ursprünglich zwei geplanten Stadtführungen zum Thema Film sind inzwischen über 30 geworden, Tendenz sogar noch steigend. Wir freuen uns enorm über das große Interesse und den regen Zuspruch des Publikums“, betonen Schreivogel und Siebrecht. Die Filmstadt sei wieder in aller Munde.

Das eigentlich schon zum Jubiläum „75 Jahre Filmstadt Göttingen“ geplante Buch „Hollywood an der Leine – Film in Göttingen“ mit Beiträgen von mehr als 20 Autorinnen und Autoren wird im November 2025 nun auch endlich erscheinen: „Zugegeben, wir hätten es gern früher veröffentlicht. Aber wir können festhalten: Das Warten hat sich wirklich gelohnt.“

Was für das Buch gilt, gilt für andere Projekte des Filmbüros nicht: Denn nicht alle ursprünglichen Ideen verfolgen die Göttinger Filmexperten weiter.

Das Ziel, ein Filmmuseum in Göttingen aufzubauen, haben Schreivogel und Siebrecht aufgegeben. Stattdessen soll es – in Abstimmung mit dem Stadtmarketing – wechselnde Ausstellungen in der Innenstadt geben, etwa in leerstehenden Läden. Auch dies sei ein Ergebnis der Gespräche vom 12. März. Für den Erhalt des Ateliergebäudes auf dem Sartorius Campus wollen sie sich weiter einsetzen: „Das ist eine Herzensangelegenheit.“

Außerdem nimmt das Filmbüro Abstand von den Plänen, Göttingen wieder zu einer „echten“ Filmstadt mit eigenem Atelier und sogenannter Soundstage für Film- und Fernsehproduktionen zu machen, ebenso von einer angedachten Medienakademie, in der Nachwuchs für verschiedene Disziplinen der Film- und Fernsehproduktion hätte ausgebildet werden sollen. Schreivogel: „Wir unterstützen weiterhin Projekte von Produktionsfirmen, wenn diese in Göttingen oder im Umland umgesetzt werden sollen, aber wir werden nicht mehr das Ziel verfolgen, Göttingen zu einem dauerhaften Produktions- und Ausbildungsstandort für Filme, Serien und andere Projekte zu machen. Wenn das trotzdem passiert, freuen wir uns – und bringen uns auch gern mit ein.“

Angelika Daamen, ehemals Geschäftsführerin von Göttingen Tourismus & Marketing, hatte es beim Treffen am 12. März so formuliert: „Wir müssen schauen, was geht – und was nicht geht.“ Genau nach diesem Leitspruch hätten Schreivogel und Siebrecht von Anfang an gehandelt, und deshalb gehe es auch jetzt darum, realistische Perspektiven aufzuzeigen.

Das umfangreiche Filmbüro-Archiv wird in großen Teilen als Dauerleihgabe ans Filminstitut Hannover übergeben, dort weiter aufbereitet und auch für Forschung, Lehre und filmhistorische Arbeiten zugänglich gemacht. „Genau das war von Anfang an auch eines unserer Ziele. Wir freuen uns, dass dieses nun weiter verfolgt werden kann“, erklärt Siebrecht. „Ich freue mich, dass die Gespräche zur geplanten Übernahme der Archivbestände in das Archiv des Filminstituts Hannover so positiv verlaufen. Sie sind eine sinnvolle Ergänzung zum Nachlass der Filmaufbau Göttingen GmbH, der hier seit den 1990er-Jahren zu Hause ist“, so Thorsten Hoppe, Geschäftsführer des Filminstituts Hannover. Auch der Nachlass der Jungen Film-Union aus Bendestorf, dem zweiten einstigen Produktionsstandort in Niedersachsen, befindet sich dort.

Die Aufarbeitung der Göttinger Filmgeschichte bleibt auch in Zukunft ein wichtiges Anliegen des Filmbüros Göttingen; die erfolgreiche Kooperation mit Nordmedia soll zudem noch ausgebaut werden. Dies allein rechtfertige allerdings nicht die dauerhafte Vorhaltung angemieteter Büro- und Archivräumlichkeiten. „Gerade jetzt, wo wir alles so schön hergerichtet und uns im Zollstock eingelebt haben, die Segel streichen zu müssen, ist für uns sehr ärgerlich und enttäuschend“, gibt Schreivogel zu. Aus kaufmännischer Sicht wäre ein „Weiter so“ jedoch „völlig verantwortungslos“ gewesen.

Schade sei, dass es nicht nur aus der Branche selbst, sondern auch aus der Stadt Göttingen und der Region inzwischen fast gar keinen finanziellen Support mehr für die Anliegen des Filmbüros gebe. Das sei vor einigen Jahren noch anders gewesen. „Dieser Entwicklung müssen wir jetzt Rechnung tragen und schließen unsere Agentur zum Ende des Monats. Damit endet auch die Arbeit der Initiative Drehort Göttingen.“